Mein Faible für Seitengänge – weniger ist mehr

Ich gestehe – ich habe einen Faible für Seitengänge und möchte dich einladen darüber nachzudenken, warum es dabei nicht um „seitwärts treten“ geht.

Wir Menschen neigen dazu, bei einer gestellten Aufgabe, vorerst logisch an die Sache heranzugehen.
Thematisiert man in seiner Zusammenarbeit mit dem Pferd gerade die Seitengänge, spult man häufig das theoretische Wissen ab und versucht so sich an Erläuterungen und Abbildungen bei der Erarbeitung zu orientieren.
Daran ist nichts verwerflich – es ist gut sich vorab Wissen anzueignen und ein Ziel vor Augen zu haben, dennoch ist Ahnungslosigkeit manchmal ein Segen, wenn man Hilfe von außen hat.

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Galaxy ist durch ihre chronischen Erkrankungen stark hypermobil in der Hinterhand und im Schulterbereich eher fest. Ihr fällt es schwer spurig zu fußen und viel Abstellung ist für sie Fluch statt Segen. Hier freue ich mich über eine verbesserte Brustkorbrotation bei einer minimal besser vorschwingenden äußeren Schulter

So erlebe ich es immer wieder, dass die Menschen intuitiver und feinfühliger arbeiten, wenn sie noch keinen genauen Plan im Kopf haben wie es letztlich aussehen soll.
Der Verstand schaltet sich ab und sämtliche Konzentration wird dem Gespür gewidmet, wodurch ich häufig höre, dass es plötzlich leichter und flüssiger wurde.
Und Leichtigkeit ist tatsächlich die „Abwesenheit von Widerständen“ (Kathrin Branderup-Tannous), bei verbessertem Fluss der Energien.
Je mehr man weiß, desto verkopfter geht man automatisch an eine Sache heran, wenn man den Bewegungsablauf noch nicht erspüren kann und nicht selten blockiert man sich dadurch selbst.

Suche immer nach dem Gefühl von einem runden, harmonischen Bewegungsablauf, nicht nach einem Bild, das du in einem Buch gesehen hast.

Dein Pferd ist vielleicht (noch) gar nicht in der Lage das gleiche Bewegungsmuster zu zeigen, wie das Pferd auf der Abbildung in dem Buch.
Jedes Pferd jedoch, kann vermehrt in Balance gebracht werden und das sollte stets unser Ziel sein.
Weder mental, noch körperlich sollten wir in der Arbeit mit unseren Pferden Widerstände spüren.
Sind sie dennoch da, ist es ein Zeichen dafür, dass wir etwas ändern müssen.

Jedoch lösen wir Widerstände nicht mit Druck auf. Damit erzeugen wir bekanntlich nur „Gegendruck“, was simpel gesagt bedeutet, dass Muskeln gegenspannen, die sich eigentlich entspannen und dehnen sollten.

Gehe immer den Weg des geringsten Widerstandes – auf körperlicher und mentaler Ebene.

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Bei manchen Pferden kann es sinnvoll sein sehr lange Zeit nur mit dem Vorgriff der Hinterbeine zu arbeiten und in minimalen Veränderungen nach dem Moment zu suchen, in dem die Energie von hinten nach vorne ungestört durchfließt.

Wenn wir von den (echten) Seitengängen sprechen, ist es für dich wichtig zu wissen, dass ich hierbei Schulterherein und Kruppeherein meine. Diese beiden Seitengänge dienen dem Geraderichten deines Pferdes und helfen deinem Pferd so zu mehr Balance und gesunden Bewegungen in den Gelenken.

Ein Schenkelweichen gehört für mich bewusst nicht dazu, da die meisten Pferde hierbei lernen kurze Schritte zu machen und vom Schwerpunkt wegzufußen. Die innere Hüfte des Pferdes wird hochgedrückt, nicht selten belasten die Pferde die Gelenke der Gliedmaßen schief und das Pferd lernt ein Bewegungsmuster, das für die folgende anatomisch und biomechanisch förderliche Arbeit, nicht sinnvoll ist.
Selten hilft es den Pferden in der Hinterhand beweglicher zu werden, jedoch sind die meisten Pferde aus meiner Erfahrung heraus sowieso eher im Schulterbereich fest und die Fehlerquote bei der Anwendung dieser Lektion ist mir einfach zu hoch, weshalb ich grundsätzlich davon abrate.

Das Schulterherein ist das erste und das letzte, was das Pferd in seiner langjährigen gymnastizierenden Aubildung lernt – das bedeutet schlichtweg, dass es im Laufe der Jahre immer besser wird.
Es geht daher nicht darum gleich zu Beginn auf 3 oder 4 Hufschlägen zu arbeiten.
Ganz egal, was in all den Lehrbüchern steht – frag dein Pferd welcher Grad von Abstellung gerade wirklich hilfreich ist, um den Bewegungsablauf zu verbessern.
Ein hypermobiles – also sehr bewegliches – Pferd, wird von einem Hauch von Nichts profitieren, wogegen man einem steifeen Pferd die Bewegung vielleicht durch etwas mehr Abstellung erleichtert.
Kein Pferd passt in eine Schablone, die für ein anderes angefertigt war – versuche auch dein Pferd niemals in eine hineinzudrücken.
Lasse dir Zeit für das Erarbeiten der Seitengänge. Sie dienen der Geraderichtung und werden dein Pferd und dich in der gesamten Ausbildung begleiten, wenn du dein Pferd gymnastizieren möchtest.

Die Zeit mit unseren Pferden ist unsere Passion – wir sollten uns dabei nicht hetzen.

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So schön und balanciert wie sich unsere Pferde frei auf der Weide präsentieren, sollten sie sich auch in der Zusammenarbeit mit dem Menschen zeigen dürfen. Verschlechtert sich das Bewegungsmuster oder das Motivationslevel zunehmend, sollten wir uns überlegen, wieso unsere Präsenz die Magie zerstört.

Wenn du eine solide Basis im Schulterherein gefunden hast, brauchst du auch den Gegenspieler – das Kruppeherein.
Im Kruppeherein ist es zum Beispiel wichtig, nicht nur auf den äußeren Hinterfuß zu schauen.
Häufig wollen wir Menschen viel größere Bewegungsänderungen in unseren Pferden sehen, als für sie tatsächlich gesund ist.

Es geht nicht darum möglichst starkes Kreuzen der Hinterbeine zu erreichen und die Kruppe enorm in die Bahn zu holen, vielmehr soll das Pferd in seiner eigenen Balance geschult werden und fähiger werden sich selbst immer länger in Balance zu tragen, wobei im Kruppeherein die Biegung im hinteren Teil des Pferdes verstärkt wird.

Selbsthaltung ist in der gesamten gymnastizierenden Arbeit das Schlüsselwort, da es nie darum gehen sollte, das Pferd künstlich in eine Haltung zu zwingen und dort zu fixieren.
Erst dann, wenn sich das Pferd selbst in eine Haltung bringt, in der es sich schön fühlt und in der es an Kraft gewinnt, kann man wahre Leichtigkeit spüren.
Dafür ist es unfassbar wichtig, dass die Hilfengebung impulsweise erfolgt.
Ansonsten sperren wir unsere Pferde in einen Käfig aus Hilfen, in dem keine leichte und feine Bewegung stattfinden kann, die das Pferd mental und körperlich wachsen lässt. Ein enges Korsett ist letztlich eben doch einfach unbequem, selbst wenn es auf den ersten Blick nett aussehen mag.

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Lino im Kruppeherein in der Handarbeit. Auf dem Zirkel ist es von Vorteil an eine große Pirouette zu denken, damit die äußere Schulter weiterhin frei bleibt. Linos rechter Hinterfuß neigt zum Ausfallen aus der Masse und kann daher stärker seitwärts unter den Körper geführt werden, um ihm körperlich langfristig mit der Arbeit zu helfen. Foto: Lotte Lekholm

Die Frage kann also nur sein:

Wie viel Abstellung Kruppeherein kann ich mir erlauben, ohne dass mein Pferd die physiologische Funktion des inneren Hinterfußes verliert?

..oder mental überfordert ist?

..oder im Genick verkantet?

..oder auf die äußere Schulter kippt?

..oder oder oder.

Der Verlust dieser Funktion äußert sich schnell in kurzen, stampfigen Tritten und einem Herausfallen aus der Körpermasse des inneren Hinterfußes.
Die anderen Fehlermöglichkeiten sprengen jetzt hier den Rahmen.

Sei dir einfach bewusst, dass es komplexe Bewegungsabläufe sind und weniger IMMER mehr ist – auch innerhalb der Seitengänge!

Hilf deinem Pferd – wie einem Kind beim Topfschlagen – die richtigen Bewegungsabläufe in sich zu finden und motiviere es für den Versuch. Diese Arbeit ist körperlich durchaus anstrengend für dein Pferd, außerdem verlangt es viel Konzentration, weshalb du für jede kleine Nuace dankbar sein kannst.

Der Weg zu einem guten Körpergefühl und zu körperlicher Balance ist kein Zuckerschlecken – weder für dich, noch für dein Pferd. Stell dir einfach deine Anfänge im Fitnessstudio oder im Yoga-Unterricht vor. Du darfst jetzt über dich selbst schmunzeln und die Erwartungen ein Pferd herunterschrauben.
Gesunde Bewegungen brauchen Zeit und Spaß bei der unperfekten Ausführung, sollte allen Beteiligten vergönnt sein.

Lieber ein bisschen richtig, als ganz viel falsch.

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Es ist so unglaublich wichtig, das eigene Körpergefühl und -bewusstsein zu schulen, um es dem Pferd besser erklären zu können. Wir tun so viel unbewusst in unserer Körpersprache, dass es manchmal nicht klappt oder sich holprig anfühlt, weil wir in unserem Körper die Bewegung blockieren. Foto: Johanna Passon

Niemals wird ein Schubsen aus der Balance zu mehr Balance führen und unser Ziel ist es doch die Gangarten unseres Pferdes zu verbessern.
Dafür müssen wir natürlich unseren Blick schulen wie unser Pferd sich frei bewegt, wenn es in seiner eigenen Balance ist und sich wohlfühlt  –  wenn es dazu überhaupt schon in der Lage ist.
An diesem Bewegungsmuster können wir anknüpfen und höchstwahrscheinlich wird sich eben solches von dem Pferd im Lehrbuch mehr oder weniger stark unterscheiden.

Im Zuge des Horsebond-Seminars, arbeitete ich gemeinsam mit meiner Kollegin Miri und ihrer Stute Faible.
Die beiden arbeiten hauptsächlich über die positive Verstärkung und hatten im Schritt in den Seitengängen sehr viel Motivation erarbeitet.
Sämtliche Hilfen waren Faible nicht mehr fremd, jedoch übertrieb sie teilweise in ihren Bewegungen, so dass sie aus der Balance fiel und ihr Gangbild sich verschlechterte.
In unserer Einheit fokussierten wir uns daher darauf, dass Faible langsamer und bedachter auf die Hilfen reagierte, die Miri ihr gab.
Dadurch entwickelte Faible zunehmend mehr Körperbewusstsein und ihre Motivation wandelte sich von Übermut zur produktiven Konzentration. So schenkte sie uns schließlich auch den ein oder anderen stressfreien Trab und präsentierte sich stolz und schön!

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Wenn Miri ihre Hilfengebung zurücknahm, verstand Faible, dass sie bereits genug Seitengang zeigte, wodurch die Energie plötzlich schön durchfließen konnte. Foto: Johanna Passon

Das ist für mich das Ziel der Arbeit – ein Pferd in körperlicher, mentaler und seelischer Balance, das sich stolz und motiviert präsentiert und die Zusammenarbeit mit seinem Menschen genauso genießt, wie der Zweibeiner selbst.

Ich wünsche dir und deinem Pferd viel Spaß und eine Portion Mut Dinge auszuprobieren und alte Wege zu hinterfragen.

Deine Kati von Equinality

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Annika Liesche
    Februar 7, 2021 7:18 pm

    Hallo Kati,
    danke für den tollen Artikel. Ich wende mich mit einer Frage an dich.
    Meine Stute steht seit einer Woche in ihrem neuen Stall. Dort wird sie noch eine Weile in einer Integrationsbox stehen (mit kleinem Paddock) bis sie dann zur Koppelsaison in die Herde des Aktivstalls kann.
    Bis dahin ist es mir wichtig, dass sie dennoch geistig zur Ruhe kommen kann, auch durch körperliche Auslastung. Nun arbeite ich eng mit einer Trainerin zusammen, die der Meinung ist, dass gerade die Gymnastizierung für Pferde suuuper anstrengend sein kann und dann eine Stunde fokussierte Schrittarbeit mit wenigen Trabelementen besser wäre, als das Pferd mal eben 30 min in der Halle flitzen zu lassen. Sie sagt immer: Wir arbeiten das Pferd in die Ruhe. Nach unseren gemeinsamen Trainingseinheiten sehe ich auch immer wie ausgeglichen und zufrieden meine doch eher pfeffrige Stute wirkt und dennoch bleibe ich unruhig, ob ich mein Pferd so wirklich ausreichend auslaste. Unsere Trainerin hält nichts vom „Laufenlassen“, da sie eher die Erfahrung gemacht hat, dass die Pferde so nicht ruhiger werden und sich gleichzeitig durch das abrupte Anhalten, Losrennen… etc. die Beinchen kaputt machen.
    Wie siehst du das? Ist es möglich, ein Pferd ohne hohes Tempo genug auszulasten?

    Antworten
    • Liebe Annika, eine Ferndiagnose zu stellen, ist hier meist schwierig. Ich lese ein Thema bei dir heraus, wofür sich ein Coaching anbieten könnte. Ich lese auch heraus, dass es dir sehr wichtig ist, wie es deinem Pferd geht. Und da kannst du am besten auch dein Pferd fragen. Wenn die Grundbewegung nicht gewährleistet ist, kann ein Angebot zum Freilaufen definitiv Sinn machen. Würde ich meinen Pferden auf jeden Fall anbieten. Durch die Halle scheuchen halte ich jedoch nicht für sinnvoll. Da gibt es viele Trainingselemente, die effektiver wären und zum Beispiel das Selbstbewusstsein und das Körpergefühl stärken. Immer, wenn wir uns in ein Extrem bewegen, wird unser System irgendwann womöglich in eine Disbalance kippen. Freies Laufen, toben und spielen schließt sinnvolles Training nicht aus. Die Kunst ist es, das Ganze in Verbindung zu bringen oder sich zumindest gegenseitig ergänzen zu lassen. Meld dich gerne per Mail, wenn du dir Unterstützung wünschst. Herzliche Grüße

      Antworten

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