Leistungsdruck und Emotionen – Versteckspiel des Selbst

Gavião 🤍 Mein Partner in crime, wenn es um die Themen Humor, inneres Kind und Workaholic-Dasein geht. Über letzteres – das Leistungsstreben – sollten wir mal sprechen, glaube ich.

Leistungsstreben – Streben nach Anerkennung und Emotionsregulation

In unserer Leistungsgesellschaft entsteht schnell der Eindruck, dass es total erstrebenswert ist, permanent zu arbeiten, keine Pausen zu brauchen und von früh bis spät „busy“ zu sein. Spoiler: Das ist Schwachsinn. Und dafür erhalten wir auch noch Anerkennung – die Überbeanspruchung des Selbst wird häufig positiv verstärkt.

Der menschliche Organismus muss (und ich verwende dieses Wort nicht oft) Zeit haben, sich zu regenerieren und zu entspannen. Ansonsten werden wir früher oder später krank, da chronischer Stress ganz viele Prozesse in unserem Körper in Gang bringt, die zu Krankheiten führen können.

Für mich dient die Arbeit ganz oft auch als Emotionsregulationsstrategie – ich bewältige also starke Emotionen darüber, dass ich in die Arbeit versinke, weil das (unter anderem) wiederum meinen präfrontalen Kortex – also den „rationalen Teil“ des Gehirns – in die Aktivität bringt. Ich „arbeite“ auch daran (man darf hier beschämt kichern) aber es ist gerade wie es ist und hilft mir definitiv auch dabei, schlechtere Zeiten gut zu überstehen. Und da das bei mir so ist, trage ich dieses Wissen – ob nun bewusst oder unterbewusst – auch zu meinen Pferden.

Janne Martens Fotografie

Positive Verstärkung kann auch Druck auslösen

Nicht selten entsteht, vor allem auch in der Arbeit mit positiver Verstärkung, ein Leistungsdruck in unseren Pferden. In Erwartung auf den Keks sind sie vermeintlich „übermotiviert“ und tun alles mögliche dafür, um zu gefallen. Es ist eine Grundspannung im Raum, die in manchen Fällen ausarten kann. Dann entsteht Distress (negativ empfundener Stress). Das kann durch ein zu viel an Training, genauso wie durch ein zu wenig an Ansprache – also Über- und Unterforderung passieren. In kleinen Mengen ist das erstmal nicht schädlich. Stress an sich ist sowieso überlebenswichtig. Denn es gibt auch Eustress (positiv empfundener Stress), der sich zum Beispiel in Begeisterung und Vorfreude zeigt. Da ist ein hohes Aktivitätslevel mit Abenteuer, Spaß und manchmal auch Nervenkitzel verbunden. Aber bleiben wir mal bei dem Distress, der in unserer Gesellschaft ja auch irgendwie in aller Munde ist und bringen das Ganze nochmal auf eine greifbare, persönliche Ebene.

Wenn sich Gleiches mit Gleichem gesellt

Denn hier ist die Crux: Gavião definiert sich aus seiner Persönlichkeit heraus sehr viel über Leistung (ich auch ✌🏻) und wir lieben es zu arbeiten, zu leisten und das Gefühl zu haben, etwas getan zu haben. Zugegebenermaßen stellt sich dieses Gefühl im Laufe der Zeit mit steigendem eigenen Anspruch nicht mehr so schnell ein. Es gibt also Momente und Phasen, in denen ich ganz besonders aufpassen darf, dass ich diese Facette von ihm nicht vergesse. Denn wenn es mir nicht gut geht, kann ich im Büro arbeiten und mir dadurch Erleichterung verschaffen. Gleichzeitig möchte ich meine Pferde mit diesen Energien nicht belasten, sodass ich weniger bis gar nichts mehr mit ihnen mache. Oh, Wunder: Gavião bekommt zu wenig Ansprache. Dementsprechend macht er Blödsinn, ärgert die anderen und ist in einer enormen Erwartungshaltung mir gegenüber, sobald ich zum Abäppeln oder Füttern rauskomme. Das löst dann wieder Distress in mir aus (schlechtes Gewissen, Selbstabwertung, Rückzug aus der Verbindung). Irre oder? Ein sich selbst erhaltendes, destruktives Muster da zwischen uns beiden, obwohl (bzw gerade weil) wir uns so ähnlich sind.

Was wäre wenn wir uns erlaubten, ALLE Facetten des Selbst zu leben?

Dabei lieben wir es, uns aneinander zu reiben, ALLE Emotionen miteinander zu erleben, an unsere Grenzen zu gehen, Neues zu lernen und in Verbindung zu sein.

Wann hab ich angefangen zu glauben, ich dürfte mich meinen Pferden nur „aufbürden“, wenn ich in absoluter Balance bin und Freude die präsente Emotion ist?

Ich glaube, es ist Zeit, dass wir alle wieder unperfekt sein dürfen.

Fehler machen dürfen.

Uns wütend mit unseren Ponies zanken dürfen, um uns zu entschuldigen und zu vertragen.

Weinen dürfen, wenn wir überfordert oder traurig (oder was auch immer) sind.

Angst kommunizieren dürfen.

Uns in ALLEN Facetten zeigen und dadurch noch viel besser kennenzulernen.

Janne Martens Fotografie

Die Verantwortung für einen Anderen zu übernehmen bedeutet auch, ihm diese Fähigkeit abzusprechen

Die Ponies können so viel mehr tragen als wir es manchmal glauben. Sie sehen uns nie mit der selben verzerrten Brille der Selbstzweifel, wie wir uns selbst sehen. Und in einer tiefen, echten Freundschaft ist es eine große Bereicherung, den anderen auch durch Schatten begleiten zu dürfen. Wenn wir nur unser Licht teilen, zeigen wir uns dann wirklich?

In dem wir übergriffig Verantwortung für Andere übernehmen, vergessen wir manchmal, dass das auch eine andere implizite Botschaft enthält. Denn egal wie gut wir es meinen, wir sprechen unserem Gegenüber damit auch eine damit in Verbindung stehende Fähigkeit ab. Hier sei der Vollständigkeit halber einmal erwähnt, dass meine hier beschriebene Betrachtungsweise voraussetzt, dass das jeweilige Pferd seine Grenzen gut mitteilen kann und das vom zugehörigen Menschen auch geachtet und respektiert wird. In einem achtsamen Miteinander auf Augenhöhe, sollten alle Meinungen und alle Bedürfnisse gleichwertig sein.

Ich verspreche meinem Gavião jetzt, dass meine Stimmung nicht mehr über unser Zusammensein bestimmt. Dass ich keine Emotion mehr vor ihm zu verstecken versuche (er fühlt sie sowieso). Ich verspreche, ihm die Fähigkeit zuzugestehen, seine eigenen Grenzen zu kommunizieren. Denn das kann er. Das haben wir in den letzten 7 gemeinsamen Jahren bei uns gegenseitig gefördert. Ich verspreche ihm, dass auch er Anerkennung über seine Leistung bekommen darf, wenn er sich das wünscht.

Der Unterschied zwischen Lob und Wertschätzung

Und viel wichtiger noch: ich verspreche ihm, dass er weiterhin, ohne jegliche Leistung erbringen zu müssen, bedingungslose Liebe, Dankbarkeit und Wertschätzung erfahren wird. Denn das ist, was so viele Pferde brauchen können: Dass die Wertschätzung der Menschen nicht davon abhängig ist, welche Leistung sie gerade erbracht haben.

Das ist der Unterschied zwischen Lob und Wertschätzung. Ich lobe für ein Verhalten, für ein Tun und Handeln, für eine Leistung aber ich schätze das Lebewesen, den vierbeinigen Freund, die Persönlichkeit wert. Bedingungslos.

Bei all dem Lob, das du verteilst: Wann hast du das letzte Mal deine Wertschätzung zum Ausdruck gebracht und wie fühlt sich das für dein Pferd und dich an?

#pferdefühlenuns

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü