Der Trageapparat des Pferdes – Theorieabend mit Annika Keller

Der Trageapparat des Pferdes ist heutzutage in aller Munde.
Jeder hat das Wort „Trageerschöpfung“ schon einmal gehört oder wurde sogar selbst mit der Thematik konfrontiert.
Doch wie kann man das Pferd denn eigentlich präventiv unterstützen oder ihm helfen, wenn es bereits Anzeichen dieser Problematik aufweist?

Annika Keller, Osteopathin und lizensierte Branderup Trainerin, war für einen Theorieabend bei mir Zuhause und hat allen Teilnehmern einige Ideen zu dieser Thematik mitgegeben und darüber gesprochen, wie wichtig die Ausbildung des aktiven und passiven Trageapparates für das Reitpferd tatsächlich ist.

Das Pferd als Energiesparer

Die natürliche Fortbewegung des Pferdes ist darauf ausgelegt, möglichst wenig Energie zu verbrauchen, da das Pferd ein Ausdauerläufer ist.
Die meiste Zeit des Tages, verbringt das Pferd mit seiner Nase am Boden, da dies die natürliche Fresshaltung ist. Je tiefer die Nase des Pferdes kommt, desto weiter vorne liegt auch der Schwerpunkt.
In einer entspannten Atmosphäre, lehnt das Pferd also sein Gewicht nach vorne und läuft seinem Schwerpunkt hinterher, in dem es über die Vorhand hinweg rollt. Dabei tragen die Vorderbeine einen Großteil des Gewichts.

Im Falle einer Stresssituation, drückt sich das Pferd mit den Hinterbeinen ab und schiebt sich darüber selbst vorwärts. Der Kopf schnellt hoch, der Rücken ist weggedrückt und die Schubkraft überwiegt der Tragkraft.
Durch den angehobenen Kopf, verrutscht der Schwerpunkt des Pferdes zwar weiter nach hinten, jedoch schiebt es weiterhin mit den Vorderbeinen sehr weit unter die Körpermasse, wodurch es auch jetzt noch eine hohe Belastung auf die Vorderbeine bringt. Dieser „Stressschub“ ist für das Pferd zwar natürlich, für das Reitpferdedasein aber sehr kontraproduktiv, weshalb das Pferd meist erst lernen muss, produktiv zu schieben und dabei über den Rücken zu gehen.

Um das Pferd zu gymnastizieren und in seiner Tragfähigkeit zu unterstützen, sollten wir uns auch mit dem Thema Biegung und Stellung beschäftigen. Diese Rotationen im Pferdekörper kann man auch in der Natur beobachten.
Vor allem im freien Spiel und beim Imponiergehabe, wenden die Pferde sich einander zu und finden so oftmals in eine natürliche Innenstellung und Biegung. Viele domestizierte Pferde gehen heutzutage an der Longe in eine Ausweichhaltung, wenn man ihnen auf der Kreisbahn nicht hilft. Das bedeutet, dass der Kopf in die Luft gestreckt und nach außen getragen wird, um den physikalischen Kräften des Kreises auszuweichen.
Dies ist generell keine völlig normale und natürliche Reaktion, sondern beruht oftmals auf Steifheiten im Bewegungsapparat, einer falsch verstandenen Ausbildung oder einem schlichtweg zu kleinen Zirkel.

Der passive Trageapparat

Unter dem passiven Trageapparat versteht man bandhafte Strukturen, wie zum Beispiel das Nacken-Rückenband mit der Nackenplatte. Unterstützend zum Nacken-Rückenband („obere Verspannung“), welches dabei hilft, den Rücken aufzuwölben und die Dornfortsätze voneinander entfernt, fungiert die Linea alba als „untere Verspannung“.
Die Linea alba ist eine sehnige Bauchnaht, die zwischen Brustbein und Schambeinrand liegt und trägt somit passiv die Eingeweide.
Der passive Trageapparat besteht also aus reflektorischen Ketten mit Fixationsmechanismen, die das Pferd ohne Energieverbrauch dazu befähigen, sich selbst zu tragen und somit auf Dauerleistung ausgelegt sind. Diese sehnigen Anteile ermüden nicht, benötigen jedoch auch Ausbildung, damit sie dem späteren Reitpferd zu Gute kommen.

Der aktive Trageapparat

Die muskulären Strukturen bilden den aktiven Trageapparat und benötigen natürlich eine kontinuierliche und schonende Ausbildung.
Jegliche Überbeanspruchung der Muskulatur kann zu Schädigungen und Verspannungen führen. Deshalb darf das Pferd in keine Formgebung gezwungen werden. Ein physiologisches und lockeres An- und Abspannen der Muskulatur ist eine Grundvoraussetzung für deren Tätigkeit und Aufbau. Mit Hilfe dieser Muskeln, wird das Pferd langfristig befähigt, schadlos einen Reiter zu tragen.

Bei der gesamten Pferdeausbildung, geht es vor allem darum, als Mensch ein fähiger Ausbilder zu werden und seinem Pferd logisch und liebevoll zu erklären, welche Reaktion man sich auf ein bestimmtes Signal wünscht. Alle Bewegungsmuster, die das Pferd für das gymnastizierende „Reitpferdedasein“ benötigt, sind vollkommen natürlich und entsprechen dem individuellen Bewegungsapparat.
Auch um die Tragfähigkeit des Pferdes zu fördern und auszubilden, muss der Mensch an seinen eigenen Fähigkeiten arbeiten.
Die Art und Weise der Hilfengebung, das Timing und der Blick für ein gutes Bewegungsmuster, müssen gefördert werden und brauchen in ihrer Entwicklung ein wenig Zeit.
Das grundsätzliche Ziel der Basisausbildung ist ein weiträumiger Vorgriff der Hinterbeine mit gedehnter Oberlinie, wodurch die Unterlinie (Bauchmuskulatur) angespannt und trainiert wird.
„Das Pferd hat eine andere Idee von Schub als wir.“, so Annika, und es liegt an uns, dem Pferd im Laufe der Ausbildung zu erklären, welche Bewegungsabläufe es langfristig unter unseren Umständen gesunderhalten.

Weitere Informationen zu Annika und ihrer Arbeit findest du unter www.annikakeller.de.

Sie hat zum Thema Biegungen gemeinsam mit Bent Branderup ein Buch geschrieben.

Wie sind deine Erfahrungen zum Thema?
Teile sie gerne unter diesem Beitrag. Bestimmt profitieren auch andere davon!

Deine Kati von Equinality

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Hallo Kati!
    Vielen Dank für den Artikel! Habe auch grade den Podcast mit Anna Eichinger angehört zur Jungpferdeausbildung. Sehr sympathisch ihr zwei! Mir ist das Thema, was oben beschrieben ist ganz wichtig und ich fragte mich gleich zu Anfang: wissen denn tatsächlich schon alle Pferdebesitzer, dass das Pferd das Reitergewicht nicht mit einer Knochenstruktur trägt, sondern wir auf dem Sehnen- und Bänderapparat als „Aufhängung“ sitzen.
    Mir ist das Thema in 30 Jahren noch recht selten begegnet. In einem Vortrag habe ich mal gehört, dass es bis zu zwei Jahre dauern kann, bis die Sehnen und Bänder für das zusätzliche Gewicht fest genug sind um es unbeschadet zu tragen. Das gibt mir nun auch wieder zu denken beim Thema Jungpferdeausbildung, da ich auch mit einem 3,5 jährigen von neuem anfange.
    Für mich bedeutet das, das man gut vorbereiten sollte in der Bodenarbeit. Wenn der Zeitpunkt kommt, dass das Reitergewicht dazu kommt, sollte man eine gewisse Regelmäßigkeit haben, um die Sehnen und Bänder an das Gewicht zu gewöhnen. Gerne noch mehr Beiträge und Ideen zu dem Thema. 🙂

    Antworten
    • Liebe Nina, danke vielmals für dein Feedback! Es ist ganz wichtig, dass letztlich die Muskulatur befähigt werden sollte, das Reitergewicht zu tragen. Gerade die bandhaften Strukturen leiern förmlich aus, weshalb mir persönlich der Aufbau und die Gymnastizierung am Boden unglaublich wichtig ist. Letztlich brauchen wir eben aktiven und passiven Trageapparat. In meinen Veröffentlichungen zum Thema gehe ich darauf auch genauer ein, weil es ein ganz wichtiger Punkt ist.

      Antworten

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