Freiarbeit – die heilsame Kraft des Loslassens und wie du das Glück in dir wiederfindest

Heute möchte ich dir eine Geschichte von einer Begegnung erzählen, die mich wahrhaftig zu Tränen gerührt hat.
Ich fuhr für eine Unterrichtseinheit zum Thema Freiarbeit zu einer Freundin von mir, die einige Tage zuvor eine Pflegebeteiligung an der Ponystute von einer Schülerin von mir übernommen hatte.

Als ich an dem Stall angekommen war, nieselte es und die Pferde standen friedlich auf der Weide.
Alles sprach für eine völlig normale gemeinsame Zeit, in der Mensch und Pferd sich mittels der Freiarbeit kennenlernen können.
Wie stark sich die Energie in den nächsten Minuten transformieren sollte, hätte ich zu Beginn selbst nicht erwartet.

Die Magie startete schon bevor wir sie „erzeugen“ wollten, denn als wir uns gerade auf den Weg zu der süßen Ponydame auf die Weide machen wollten, kam sie uns in einem flotten Galopp entgegen und begeisterte uns mit ihrer Motivation.
Sissy kennt mich zwar seit einiger Zeit, weil ich für ihre „große Schwester“ komme, jedoch hatten wir zuvor noch nie zusammen gearbeitet.
Es war ihre erste richtige gemeinsame Einheit und Sissy schenkte uns einen riesigen Vertrauensvorschuss.

Auf dem Platz angelangt, ließen wir das Tor bewusst geöffnet.
Unser Plan hieß schließlich „Freiarbeit“ und so wollten wir eben echte Freiheit dabei ermöglichen.
Das offene Tor sagt: „Du darfst dir jederzeit gerne eine Auszeit nehmen und bist genauso herzlich willkommen.“

Die ersten Minuten verbrachten die beiden noch mit einem Strick, der zuerst etwas Sicherheit mit sich brachte.
Echte Freiarbeit passiert unabhängig vom Equipment.
Es gibt so viele Pferde, die auch ohne Strick komplett gefangen sind. Genauso gibt es welche, die mit Strick Freiheit im Sinne der Freiwilligkeit leben.
In diesem Fall diente das Seil vor allem dem Menschen für ein sicheres Gefühl.
Und auch das ist in Ordnung, denn der Mensch gehört in dem Dialog auch dazu – er macht 50% aus und darf sich Sicherheit wünschen.

Nach einigen Runden äußerte Tracy den Wunsch den Strick zu lösen.
Also sprachen wir kurz über dieses Gefühl und ich glaube beide fühlten sich in diesem Moment befreit.
So war es rückblickend betrachtet der Wunsch nach liebevoller Kontrolle und der Selbstzweifel, ob der fremde Mensch es wert sein könnte, dass das Pony bei ihm bleibt, obwohl es weiter grasen könnte.

Die Verbindung zwischen beiden ist viel stärker geworden als dieses Gefühl Raum bekommen hat und Tracy den Strick mit einem Lächeln löste – beide bildeten eine Einheit.
Immer wenn sich Sissy abwandte, ging Tracy ihr instinktiv hinterher, um ihr erneut ein Handtarget anzubieten.

Nach dem Impuls, dass sie auch abwarten könne, ob Sissy von allein zurückkommen würde, begann ein ganz faszinierender Wandel.
Anfänglich fiel es noch schwer das Gefühl auszuhalten, dass der andere geht und man keinerlei Gewissheit hat, ob er wohl wiederkommen würde.

Dieses Gefühl kennen sicherlich viele von uns.
Und es sagt immer mehr über uns selbst, als über denjenigen, der geht.
Denn das Gefühl in uns entspringt aus einer Angst heraus – negative Glaubenssätze und mangelnder Selbstwert liegen dem oft zugrunde.
Wir alle tragen unser Päckchen und haben irgendwann im Leben die Erfahrung gemacht, dass wir irgendwo bei irgendwas nicht gut genug waren, „falsch“ waren oder nicht dazugehören.
Auf der Reise zu uns selbst geht es also auch darum sich diesen inneren Überzeugungen zu stellen und liebevoll mit den dazugehörigen Gefühlen umzugehen.

Ein Perspektivenwechsel kann helfen, um sein eigenes kostbares Bauchgefühl von den Zweifeln zu trennen, die der Verstand hinzufügt.

Tracy wagte den Schritt es auszuhalten, dass Sissy sich manchmal wegdrehte und in eine andere Richtung spazierte. Sie machte das großartig aber es fiel ihr sichtlich schwer sich dabei nicht selbst zu verurteilen und zu hinterfragen.
Nach einigen wunderschönen Momenten mit freien Trabsequenzen und ganz viel Leichtigkeit, rannte Sissy im gestreckten Galopp zurück auf die Weide ohne sich zu verabschieden.

Sie warf uns einen Blick rüber zum Reitplatz. „Wie fühlst du dich?“ war meine intiutive Frage als ich zu Tracy schaute.
Ich denke sie sagte „Gut“, weil sie glaubte, dass das die richtige Antwort sei.
Aber unsere Gefühle sind niemals falsch.
Unsere Gefühle sind immer richtig und wollen gefühlt werden.
Und „gut“ war nicht das vorherrschende Gefühl in ihr.
Sie machte sich Vorwürfe, dass sie die Energie vielleicht zu hoch gefahren hat oder anderweitig nicht achtsam genug war.
Also lenkte ich ihren Fokus zu Sissy, die immer ein Ohr bei uns hatte und übermotiviert die anderen beiden Pferde auf der Koppel zum Laufen animierte.

Nicht selten hilft es die eigenen Erwartungen runterzuschrauben, mit einem Lächeln im Gesicht ganz tief zu atmen und dem Pferd zu vertrauen – schon kommt es zurück. Viel zu oft bewerten wir eine Situation zu voreilig und verschließen damit die Tür für weitere Optionen.

Das Pony war immer noch präsent im Raum, sie hatte sich nicht verabschiedet, weil es noch nicht zu Ende war.

Nach einigen Momenten des Wartens, spürte ich, dass Tracys Hoffnung wieder schrumpfte.
Womöglich würde Sissy ja doch nicht mehr kommen wollen.
Also schickte ich sie los, in langsamen Schritten mit tiefem Atem Richtung Weide zu gehen und bei jeder Aufmerksamkeit von Sissy kurz zu verharren und zu lächeln.
Und siehe da, das wunderbare Pony kam zu ihr gelaufen und brachte gleich die anderen beiden Pferde mit.

So kam Tracy frei mit 3 Pferden von der Koppel auf den Reitplatz und strahlte so schön wie ich es selten erleben durfte.

Sie fasste sich an ihren Bauch und sagte mit tiefer Begeisterung: „Was ist das für ein wunderbares Gefühl? Ich wusste nicht mehr, dass ich das in mir trage.“ und ich wusste ich hatte gerade beobachten dürfen wie ein wundervoller junger Mensch durch die Pferde das Glück in sich selbst wiedergefunden hatte.

Zum Schluss standen wir also glückselig zwischen den drei Stuten.
Uns kullerten die Tränen durch das lächelnde Gesicht.

Hast du schon ähnlich schöne Momente mit deinem Pferd erlebt, die du vorher nie so hättest planen können?
Und wie wichtig sind noch Pläne, wenn man so viel inneres Strahlen in sich finden kann, wenn man sämtliche Erwartungen vergisst?

Freiarbeit ist manchmal schmerzhaft ehrlich aber so bewegend, bereichernd und inspirierend, dass ich sie für meine Arbeit nicht mehr missen möchte. Gerade im Bereich des Coachings und der Persönlichkeitsentwicklung ist die Freiarbeit eine faszinierende Möglichkeit dem Pferd die Verantwortung für den Lauf der Dinge zu übergeben.

Was könnte heilsamer sein als eine authentische und emotionale Begegnung mit einem Pferd?
Deine Kati von Equinality

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Danke für diesen tollen Artikel. Auch bei mir kullerten die Tränen.

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  • Was für eine schönes und sehr berührendes Erlebnis. Danke, das wir daran teilhaben dürfen.
    Pferde sind in jeder Hinsicht einfach die besten und ehrlichsten Lehrer ✨

    Antworten

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